Archive for November 2009

Krankomat
19. November 2009

Vor Lachen glatt den ganzen Piratenmist vergessen und Nachtdienst mit Myalgien im Gesicht. Man weiss nicht, was das für ein Schiff ist. Fest steht, einer der besten medizinischen Blogs überhaupt. Es schreibt Premiumpatientin, eine scharfzüngige und genaue Beobachterin des Krankenhausaltages, den sie wohl regelmässig am eigenen Leib erfährt. Man erwartet gespannt den angekündigten Adventskalender, weitere Charakterisierungen von Kleingebietsärzten und fürs Internisten-Bashing gibt es einen Sonderpunkt. Von hohem edukatorischem Wert sind die Artikel zu Superdoc. Mehr davon!

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Absicherungsmedizin
13. November 2009

Labor, CT, Hospitalisation – man ist ja gründlich, hat die Sicherheit des Patienten stets im Blick. Wenn er dann etwas anderes will, nach Haus, kein Röntgen, kein Labor, kein garnichts, meint man ihn bewahren zu müssen vor seiner Unvernunft. Muss man wirklich? Sind Erwachsene nicht fähig, verantwortliche Entscheidungen zu treffen, wenn man ihnen die nötigen Informationen zur Verfügung stellt? Weiss der Arzt es besser? Muss man unbedingt verhindern, dass ein Mensch Achilles folgt – kurz und intensiv, dramatisches Ende nicht ausgeschlossen? Ist pragmatisches Begleiten menschlicher Unvernunft nicht die eigentliche Kunst? Machen wir nicht vieles nur, um uns abzusichern? Um auf keinen Fall „schuld“ zu sein an irgendetwas?

Kielholen
11. November 2009

Blogs sind eine bahnbrechende Erfindung. Was wäre ein verregneter Vormittag vor einem Spätdienst ohne sie. Endlich kann man an den Höhen und Tiefen der menschlichen Existenz in Echtzeit teilhaben. Was wären wir ohne das Wissen über die Fernsehgewohnheiten bloggender Ärzte, ihre psychotischen Gedanken am Morgen nach dem Nachtdienst, ihre flachen Emotionen. Täglich wird bestätigt, dass es sich auch nur um kleinliche, schwitzende Menschen handelt. Von weisser Weste keine Spur, nochweniger von Göttern. Wer denken kann, wusste das zwar vorher, wer nur des Lesens mächtig, weiss seit dem Boom des Web 2.0 nun voll Bescheid. Zurück in die Welt davor möchte man nicht, aber hat man schlecht geschlafen oder gären Gase im Gedärm, verursachen bloggende Kollegen, Sanitäter, Pfleger, Therapeuten nicht selten unendlich Übelkeit, vielleicht greift man auch zur Nierenschale. Den guten Willen zur Sicht des Positiven hat man nun unter Beweis gestellt (Prisen), in Zukunft soll es auch an Polemischem nicht fehlen (Kielgeholt).

Medizynicus
9. November 2009

Entlang der alten Handelsrouten ist die Chance auf lohnende Prisen am höchsten. So auch diesmal. Sich im Schutz der Morgendämmerung harmlos scheinend angenähert, dann die falsche Flagge flott gestrichen, den Jolly Roger vorgeheisst, Haken über, und der üppig beladene Schoner war in fremder Hand. Den Zyniker auf dem Achterdeck schien dies wenig zu erschüttern, bereitwillig führte er durch reich gefüllte Magazine. Ein bisschen Alltag hier, medizinisches dort und dazwischen stimmungsvolle Reflexionen; man vermutet einen Chirurgen. Wieviele Leben in Bad Dingelskirchen gerettet wurden bleibt im Dunklen, auffällig mit welcher Ausdauer er bereitwilig und über Jahre dort fremden Herren dient. Eine Novelle wurde über diese Zeit verfasst, versandkostenfrei erhältlich als selbstverlegtes Heft. Dem jungen Assistenten als Lektüre zu empfehlen.

"Medizin"
4. November 2009

Vorurteile sind hartnäckig. Besonders persistent sind jene über mit detailierten differentialdiagnostischen Listen hantierende Theoretiker, die ihr Fach gern „Medizin“ nennen. Bevorzugt werden grosse und kleine Problemchen versessen „abgeklärt“; was den Alltag des Patienten nicht stört und harmlos scheint, könnte schliesslich eine wichtige (vermutlich nicht heilbare) Pathologie sein. Nachdem in der Enge des Stationsbüros mit grellen Farben breiter Stifte Befundbögen und Vorberichte coloriert, verlässt man nach niemals endender Fleissarbeit bedeutungsschwer Station und Spital, um früh am Morgen wieder kandiertes und hydraulisches zurechtzurücken. Dem schliesslich gnädig Entlassenen werden lange Medikamentenlisten und kluge Worte für den Hausarzt eingepackt. Schade nur, dass dem Patienten am häuslichen Frühstückstisch schon nach Arznei Nummer zwei der Appetitt vergeht. Der Hausarzt, motiviert und bestrebt den stationären Eierköpfen zu Diensten zu sein, arbeitet schwitzend (wissend um die fehlende Konsequenz) die Liste der ambulanten Kontrollen ab und übersetzt die Krankenhausapotheke in alltagstaugliche Pharmakologie. Wenn der Kreis sich schliesst, der Patient „entgleist“ und hospitalisiert wieder seinen Internisten gegenübertritt, werden diese nicht versäumen, sich auf hohem intellektuellen Niveau mit Witzchen über die Kompetenz des Hausarztes zu erheitern. „Medizin“ ist etwas anderes.

Calamitates
3. November 2009

Wer mehr über das Leben deutscher Assistenzärzte wissen möchte, findet auf einem vergnüglichen Youtubekanal mit kreativem Aufwand gedrehte Videos direkt aus der Kampfzone. Wer eher auf Realsatire steht, wird die kleine Serie eines öffentlich rechtlichen Senders mögen, die, vermutlich mal ernstgemeint, voll unfreiwilliger Komik daherkommt.

Monsterdoc
3. November 2009

Vergeblich versuchte sie unter Vollzeug zu entkommen. Bunte windgefüllte Segel, schnittige Linien, Stilelemente verschiedener Epochen, eine Fregatte, die schon viele Meere befahren hat. Auf der Brücke ein kreativer Kapitän, der sich auch für musikalische Ausflüge an den herbstlichen Gestaden des Bodensees nicht zu schade ist. Ein bunter Vogel, der die Niederungen des Heldentums deutscher Hausärzte gut zu kennen scheint. Weniger Monster als listiger Freibeuter mit Kaperbriefen vieler Herren. Auf den Decks barocke Ware, Tand, Kitsch, Dinge von Wert, ironische Kanonen, zynische Kartätschen, kostbare Säbel und hier und da ein filigranes Florett. Ein Schiff, dass regelmässig gekapert werden möchte, wie die Kuh, die man melkt, nicht schlachtet, weil man zwischen all dem Bunten immer wieder vielversprechendes zu finden glaubt.

Werftgarantie
3. November 2009

Der freundliche alte Herr hatte Kopfschmerzen, leicht, seit dem Morgen. Die Dame mittleren Alters zwickte der Rücken, nachdem sie am Vortag ungeschickt mit dem Wäschekübel jongliert hatte. Beiden war gemeinsam, dass die naheliegende Erklärung sie nicht überzeugte. Sie wollten Gewissheit. „Können Sie garantieren, dass ich keinen Krebs habe, Herr Doktor“. Heiliger Klabautermann. Man geht regelmässig nachlässig über vielbefahrene Strassen, hier und da auch mal bei Rot; Ferienreisen mit Auto, Bahn und Aeroplan, exzessive Sonnenbäder, Wein, Weib, Gesang, Adipositas, konsequente Medikamenteneinahme nur in der Woche vor dem Arzttermin, Hausarbeit – aber beim Arzt soll es eine Garantie geben für das Lebensrisiko? Schlechte Nachrichten: Das Leben ist eines der gefährlichsten, meist endet es tödlich.